Alb Marathon Schwäbisch Gmünd am 25.10.2014

Zum 24. Mal wurde letzten Samstag zum Lauf über die „Drei Kaiserberge“ Hohenstaufen, Rechberg und Stuifen gebeten. Über eine Distanz von 50 Kilometern galt es 1075 Höhenmeter zu bewältigen. Da ich bisher nie weiter als 42,195 Kilometer gelaufen bin, sollte der Alb Marathon folglich auch mein erster Ultramarathon werden. Der Morgen war grau und noch relativ frisch. Nach den letzten beinahe sommerlichen Tagen hatte sich der Herbst nun wohl doch durchgesetzt. Mein Vater begleitete mich und so saßen wir zwei Stunden vor Rennbeginn im Auto und fuhren die 40km von meinem ursprünglichen Heimatort Kirchheim nach Schwäbisch Gmünd. Wie man es von kleinen, beschaulichen Veranstaltungen kennt, waren auch hier die Wege von der Startunterlagenausgabe zur Kleiderbeutelabgabe und schließlich zum Start sehr kurz. Die Startnummer bekam ich im Prediger, einem hübschen Museum im Stadtkern. Es hatte sich bereits eine große Läuferschar gebildet, die sich allesamt auf ihre Art für das bevorstehende Martyrium vorbereiteten. Gemeinsam mit meinem Vater machten wir es uns auf einer Treppe bequem und vertrieben uns die Zeit damit, die Läufer zu beobachten. Zähe, drahtige Burschen, die schon viele Laufjahre auf dem Buckel haben. Zwischen all diesen kam ich mir vor wie ein Jungspund, der, noch komplett grün hinter den Ohren, eigentlich gar nicht so recht weiß was da eigentlich auf ihn zukommt.

Streckenprofil Alb Marathon Schwäbisch Gmünd

Kurz vor Start war ich ziemlich entspannt und voller Vorfreude. Im Vorfeld hatte ich mir den Streckenplan eingeprägt um zumindest zu wissen, wann mich welcher der drei Berge erwarten würde und wie lange die Anstiege in etwa sein würden. Außerdem beruhigte mich die Gewissheit, dass ich nach 25 Kilometer bereits 710 Höhenmeter hinter mich gebracht haben sollte und zur Marathondistanz bereits 1050 von 1075. Der Gedanke, nach dem Marathon also nur noch 7,8 leicht abfallende Kilometer ausrollen zu müssen, gefiel mir äußerst gut.

Der Startschuss ertönte und ich setzte mich langsam in Bewegung. Die Herzfrequenz sollte von Anfang an mein wichtigster Begleiter sein. Zu hohe HF-Werte wollte ich tunlichst vermeiden, aber zu langsam sein war auch nicht mein Ziel. Ich bremste mich direkt, um nicht in die Anfangseuphorie der anderen Teilnehmer einzusteigen. Außerdem starteten mit uns 50km-Läufern auch Staffeln, bestehend aus bis zu zehn Läufern, sowie diejenigen, die sich für die halbe Distanz entschieden hatten bzw. für die 10km. Daher war ich auch nicht beunruhigt, als ich die ersten 11km quasi pausenlos überholt wurde. Zu diesem Zeitpunkt befand ich mich auf Platz 34 und lief in einer relativ großen Gruppe. Diese zog sich allerdings nach und nach auseinander und wurde bei Kilometer 17 komplett gesprengt.

Hohenstaufen                                                                      

Hier begann der erste richtige Anstieg hinauf zur Burgruine Hohenstaufen und ich konnte meine Stärken zum ersten Mal ausspielen. Obwohl ich mit knapp 80kg ein relativ schwerer Läufer bin, liegen mir vor allem steile Anstiege recht gut. Ich sammelte einige Läufer ein, die schon jetzt hart am Limit unterwegs waren. Oben angekommen wurde ich mit lauten Anfeuerungsrufen meines Dad’s und einem atemberaubenden Ausblick auf die Landschaft, die mir nun zu Füßen lag, belohnt. Nach einem kurzen Schlenker führte uns derselbe Weg, den wir hinaufgekommen sind, auch wieder hinab. Mit gefühltem Tempo 30 stürzte ich mich hinunter, stets darauf bedacht, den Emporkömmlingen rechtzeitig auszuweichen.

Rechberg

Kilometer 19 bis 23 verliefen relativ flach und ich genoss die Natur und träumte vor mich hin. Den Berg hatte ich gut verkraftet, von muskulären Schwächen blieb ich bisher verschont. Dann wurde es langsam immer steiler, im Gegensatz zum Weg hinauf zum Hohenstaufen wurde hier ausschließlich auf Asphalt gelaufen. Allerdings hatten wir hier schon mit ordentlichen Steigungen zu kämpfen, die Achillessehnen und Waden schrien und flehten um Gnade. Die sollten sie auch bekommen, denn während ein Teil der Läuferschar bereits auf dem Rechberg bei Kilometer 25 das Rennen beendet hatte, durfte ich mich wieder hinab ins Tal werfen. Allerdings mit stark angezogener Handbremse. Der Weg war schmal, nass und mit Moos bewachsen. Trotz meiner Trailschuhe konnte ich kaum Halt finden und musste vor allem in den Haarnadelkurven entschleunigen, um nicht aus der Kurve zu fliegen. Das ständige abbremsen brannte in den Oberschenkeln und als ich endlich unten angekommen war fühlten sich meine Beine an wie zwei Baumstämme.

Stuifen

Doch die Verschnaufpause war nur kurz bemessen und bevor meine Oberschenkel wieder halbwegs einen Normalzustand erreicht hatten, folgte bei Kilometer 29 auch die letzte Bergetappe. Zum Glück war mir im Vorfeld nicht bewusst gewesen, dass dies auch der härteste Anstieg sein sollte. Singletrails über Wurzeln und knöcheltiefem Matsch führten uns hinauf auf den Stuifen. Hier überholte ich wieder einige Läufer, die wandern mussten. Ich hielt stoisch meinen Laufschritt und flehte, dass es bald vorbei sein würde. Meine Herzfrequenz konnte ich hier nicht mehr kontrollieren, ich pfiff aus allen Löchern, wollte aber absolut nicht wandern. Ich rutschte zu allen Seiten weg, auf zwei Schritte vorwärts folgte einer rückwärts. Nach einer gefühlten Ewigkeit hatte ich es geschafft. Mein Herz hämmerte mir bereits bis in den Hals. Der Abstieg war gnädig, auf einigermaßen griffigem Schotter erholte ich mich recht schnell wieder von den ersten richtigen Strapazen und die Verpflegungsstation im Tal nahm ich dankend an.

Ich hatte bereits 31 Kilometer hinter mir und inzwischen war das Feld so weit auseinander gezogen, dass ich größtenteils alleine laufen musste. Teilweise sogar ohne Sichtkontakt zu einem Mitstreiter, weder nach hinten, noch nach vorne. Mein Vater stand erneut überraschend und zu meiner großen Freude wieder am Streckenrand und peitschte mich mit lauten Anfeuerungsrufen nach vorne. Konnte ich einem Streckenposten trauen, so befand ich mich inzwischen auf dem 17. Platz. Zwar hatte ich das Gefühl, dass ich mir das Rennen bisher sehr gut eingeteilt hatte und ich dementsprechend auch noch weiter Plätze gut machen würde, dennoch wusste ich nicht, was mich nach der Marathonmarke noch erwarten sollte.

Das nächste Highlight folgte unerwartet rasch. Ich hatte nicht mit einem weiteren, wenn auch kleinen Aufstieg gerechnet. Bei Kilometer 33,5 mussten wir eine scharfe Rechtskurve nehmen und wir standen erneut vor einer, wenn auch kurzen, Wand. Ich ergab mich meinem Schicksal und erklomm sie, immer einen Schritt vor den anderen setzend und nicht nach vorne schauend. Oben angekommen spürte ich den Atem eines Staffelläufers im Nacken. Ein willkommenes Geschenk nach den letzten einsamen Kilometern. Wir liefen gemeinsam einen Singletrail durch einen Wald. Er hatte keine Möglichkeit mich zu überholen und so blieb er mir dicht auf den Fersen. Mit Tempo verließen wir den Wald. Einem leichten Linksknick sollten wir folgen, allerdings kam es nicht dazu. Der nun nasse Wiesenboden war so rutschig, dass ich geradeaus weiterlaufen musste, dementsprechend die Kurve nicht erwischte und ein Stück den Abhang hinunterstolperte. Nach einigen Metern schaffte ich es irgendwie zu bremsen. Verärgert über mich selbst und die unnötigen Zusatzmeter trat ich den Rückweg an, hin zu dem ausgeschilderten Weg. Mein Verfolger hatte den wohl besseren Weg gewählt, ihn packte es ordentlich auf den Allerwertesten, blieb aber immerhin von dem Abhang verschont und war auch schnell wieder auf den Beinen, so dass er letztlich weniger Zeit verloren hatte.

Die ersten Probleme bekam ich bei Kilometer 37. Ein zwei Kilometer langer Abschnitt wand sich in Serpentinen den Berg hinab. Jeder Schritt schmerzte im Brustkorb, ein Seitenstechen machte sich bemerkbar. Dass ich dafür anfällig bin, wusste ich bereits aus vergangenen Laufveranstaltungen. Ich versuchte, die Atmung so gut es ging zu kontrollieren, holte tief Luft und atmete sie mit einem Stoß wieder aus. Es half und unten angekommen war von den leichten Stichen nichts mehr zu spüren.

Kilometer 41 führte uns noch ein letztes Mal über eine kleine Kuppe, fortan ging es nur noch leicht abwärts in Richtung Ziel. Inzwischen hatte ich einen Tunnelblick und ich konzentrierte mich auf ein gleichmäßiges Tempo und eine kontrollierte Atmung, um erneutes Seitenstechen zu vermeiden. Bis dato hatte ich jede Verpflegungsstation mitgenommen und so tat ich es auch weiterhin. Nebst meinem eigenen Gelvorrat versorgte ich mich dort mit Wasser, isotonischen Getränken und seit Kilometer 30 dann auch zusätzlich mit Cola. Ich passierte wieder einen Mitstreiter, der es dann allerdings noch einmal wissen wollte, sich an meine Fersen heftete und mich bei der nächsten Verpflegungsstation überholte. Er griff sich einen Becher Wasser, trank es im Laufen, verschüttete 90% und verschärfte das Tempo. Zum Ziel sollten es noch einige Kilometer sein und ich war gespannt, ob sich seine Nachlässigkeit rächen sollte oder er es mit nicht aufgefülltem Tank vor mir ins Ziel schaffen sollte. Kurz: Es rächte sich. Schneller, als ihm lieb war.

Bei Kilometer 46 hatte ich das Gefühl über mir selbst zu schweben und mich beim Laufen zu beobachten. Die Beine vollbrachten ihr Werk ohne dass ich Einfluss darauf nehmen konnte. Zum Glück äußerst gut und mit einem Tempo von unter 4:30min/km. Ich wurde schließlich unsanft geweckt, als mich die führende Frau mit einem Affenzahn überholte. Das konnte ich natürlich nicht auf mir sitzen lassen und zog deshalb nochmals an und folgte ihr dicht. Einen Kilometer vor Ende ritt mich der Teufel und ich setzte zum Spurt an. Adrenalin durchflutete meinen Körper und ich jagte über die letzten Meter. In 3:50 Minuten rannte ich den letzten Kilometer, nein, flog ich den letzten Kilometer dem Ziel entgegen. Völlig euphorisch preschte ich über die Ziellinie, die meinen ersten Ultramarathon beendete.

Ich war und bin immer noch überglücklich. Es war eine riesen Gaudi und ich freue mich über jede Stelle im Körper, die vor Muskelkater schreit. Denn das ist mein Kniff in die Wange, wenn ich mal wieder gerade nicht glauben kann, dass ich 50 Kilometer mit 1075 Höhenmetern gelaufen bin.

Nebenbei habe ich von den 432 Startern den 11. Platz belegt und bin in meiner Altersklasse mit einem dritten Platz sogar aufs Treppchen gestürmt. Und das auch noch bei einem Europacup-Rennen! Herrlich!

Die größte Freude hat mir an diesem Tag mein Dad bereitet, der, frisch erholt nach einem Wirbelbruch, den Hohenstaufen hochgekraxelt ist um mich anzufeuern, einige Kilometer später erneut an der Strecke stand und inklusive An- und Abreise 8h geduldig war.

Mein herzlichstes Dankeschön möchte ich noch den Helfern aussprechen. Nie für einen Anfeuerungsruf zu schade, immer gut gelaunt und hilfsbereit waren sie auf der Strecke eine echte Bereicherung.

Hier noch ein paar Zahlen für die Statistiker unter euch (wie ich auch einer bin):

1. Hälfte: 02:02:49h

2. Hälfte: 02:03:01h

Marathon: 03:30:14h

Gesamt: 04:05:50h

Die gesamte Streckenaufzeichnung findet ihr hier.

Impressionen

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